"Kinder beginnen nicht deshalb Sprache zu gebrauchen, weil sie dazu eine Fähigkeit haben, sondern weil sie viele Dinge nur durch ihren Gebrauch erreichen können. J. Bruner 1987, Wie das Kind sprechen lernt




Abb.: Das Kind zeigt auf ein Bilderbuchbild mit einem Waldbrand (Alter: 3;3)


Modalwörter sind im spontanen initiativen kindlichen Sprachgebrauch meist nicht vor dem vollendeten 3. Lebensjahr zu beobachten. Im nachahmenden Sprachgebrauch treten sie früher auf.

Ein Modalwort kann in einem Satz weggelassen werden. Der Satz wird deshalb nicht ungrammatikalisch bzw. unverständlich. Es fehlen dann nur ganz bestimmte Informationen, die eine Bewertung zum Ausdruck bringen. Modalwörter bewerten beispielsweise ein Ereignis hinsichtlich seines wirklichen Eintreffens oder sie bringen eine emotionale Bewertung einer Handlung / eines Ereignisses zum Ausdruck.
Hinweis zu Modalwörtern:
Modalwörter werden auch als Untergruppe der Modaladverbien betrachtet. Obwohl sie in der Form und Stellung im Satz mit Abverbien übereinstimmen, beziehen sie sich auf die ganze Satzaussage. Ein Modalwort ist ein Adverb zum ganzen Satz, nicht nur zum Verb. Es ist selbst ein verkürzter Satz.

Beispiele:
Modalwörter, die u.a. etwas über das Eintreffen eines Ereignisses aussagen: - möglicherweise - vielleicht - sicherlich - vermutlich - wahrscheinlich ...... Modalwörter, die etwas über die emotionale Einstellung aussagen: - leider - hoffentlich - glücklicherweise ......

Langzeitstudien haben ergeben, dass Modalwörter zu einem Zeitpunkt auftreten, zu dem das Kind häufig "Warum-Fragen" stellt. Die mütterlichen Reaktionen auf diese "Warum-Fragen" zeigten, dass sie gerade in diesen Antworten relativ häufig Modalwörter verwenden. Das ist auch erklärbar, da das Kind oft zu Dingen fragt, die sich nicht "absolut" beantworten lassen. Eine elaborative Mutter will dann in ihren Antworten nicht andere Möglichkeiten ausschließen und verwendet beispielsweise das Modalwort "wahrscheinlich", um eine mögliche Ursache einer Handlung zum Ausdruck zu bringen. Damit vermittelt sie dem Kind implizit, dass es mehrere Erklärungs-Optionen im Lebensalltag gibt. Und um dies dem anderen im Dialog auch mitzuteilen, wird ein einziges Wort zusätzlich verwendet. Modalwörter sind dafür bestens geeignet.

Dialogbeispiele für den Gebrauch von "wahrscheinlich" in Dialogbeiträgen der Mutter:

ALTER:       3;0
SITUATION:   Das Kind hält der Mutter ein neues Bilderbuch zeigend
             hin und äußert:
KIND:        Hm, hm, hm
ERWACHSENER: Das Buch heißt "Die drei kleinen Schweinchen".
KIND:        Warum?
ERWACHSENER: Warum das so heißt? Weil das wahrscheinlich von den
             drei kleinen Schweinchen handelt. Wahrscheinlich eine
             Geschichte von den drei kleinen Schweinchen..würd' ich
             mal raten.


ALTER:       3;4
SITUATION:   Das Kind zeigt in einem Bilderbuch auf einen Zug, der
             aus einem Tunnel kommt und äußert:
KIND:        Gu mal, is die gerad' aus dem Tunnel gekomme.
ERWACHSENER: Hm.
KIND:        Rum sin da aber weiße Berge?
ERWACHSENER: Dis is' wahrscheinlich auch in den Alpen, hm.
KIND:        Aber warum sind denn die Alpen weiß?
ERWACHSENER: Weil's Winter is.   


Der Gebrauch von Modalwörtern setzt die Beherrschung bisher erworbener Grundstrukturen der Sprache voraus. Das Kind muss den Inhalt erst formulieren können, der für eine "modale Bewertung" in Frage kommen soll. Insbesondere die ersten Modalwörter wie "vielleicht", "wahrscheinlich" und "möglicherweise" setzen ein kognitiv entwickeltes Raum- und Zeitverständnis voraus.

Dialogbeispiele für den ersten kindlichen Gebrauch von "vielleicht":

ALTER:       2;8
SITUATION:   Das Kind stellt sich auf seine eben gebaute
             "Kissenhöhle", blickt aus dem Fenster zu einem
             Schornstein, der an den Vortagen bereits gesehen wurde:
KIND:        Da raucht etz nich! (jetzt nicht)
ERWACHSENER: Da raucht es heute nich?
KIND:        Nee
ERWACHSENER: Nee, dann heizen die jetzt gar nich.
KIND:        Ieleich heiz die (vielleicht heizen die)
ERWACHSENER: Nachher raucht er dann wieder, ne/


ALTER:       3;3
SITUATION:   Das Kind spielt mit seinem aufklappbaren Bauernhof.
             Die Mutter zeigt auf Heuballen.
ERWACHSENER: Hier sind die Heuballen, guck mal!
KIND:        Hm, ich ho, n vielleicht is das, n vielleicht war das das
             Fresshaus!
ERWACHSENER: Das Fresshaus für die Hühner, hm/
KIND:        Hm
ERWACHSENER: Dort wurden ih' die Körner ausgestreut, da konnten
             sie picken geh'n.





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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017