"Damit wir Papierstücke als Geld erkennen, müssen wir irgendeine sprachliche oder symbolische Möglichkeit haben, die neugeschaffenen Tatsachen über Funktionen zu repräsentieren, weil sie der Physik der Objekte selbst nicht zu entnehmen sind."
J. R. Searle 1997, Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit




Abb.: Das Kind sieht einen zu einem Puppenspiel gehörenden Kinderwagen (Alter: 1;2)


Der Objektbegriff oder Basisbegriff ist eine grundlegende "Organisationseinheit" des menschlichen Sprachgedächtnisses. Mit seiner Hilfe können wir Gegenstände aus einer Kategorie immer wieder als dieselben wiedererkennen, auch wenn sie in anderen Erscheinungsformen auftreten, sich in anderen Situationskontexten befinden oder sehr lange nicht wahrgenommen wurden.
Das Kind baut bis zu einem Alter von etwa 18 -20 Monaten seine ersten Objektbegriffe auf. Sie repräsentieren erste sprachbegriffliche Ordnungen der Gegenstandswelt der näheren Lebensumwelt. Gegenstände, die zuerst begrifflich geordnet werden, sind solche, die häufig Fokus gemeinsamer Interaktionsaktivitäten waren, z.B. beim Spielen, Erkunden, Manipulieren und Betrachten. Dabei wurden diese Objekte häufig benannt und altersgemäß erklärt, d.h. in ihrer Funktion demonstriert. Meist sind es auch Objekte, die zum Spielzeug des Kindes gehören, sich im Haushalt befinden und in bildlichen Darstellungen häufig betrachtet wurden, z.B. Auto, Katze, Hund, Ball, Ente, Puppe usw.  Die Objektbegriffe werden durch sog. prototypische Merkmale repräsentiert. Das sind invariante Merkmale der Form und Funktion der zur Kategorie gehörenden Objekte (siehe Abbildung), die es ermöglichen, genau diese Objekte als zu einer Kategorie zugehörig zu erkennen und von anderen, durchaus ähnlichen zu unterscheiden und damit auch richtig zu benennen (falls das Wort dafür bekannt ist). In den Abbildungen 1 und 2 sind jeweils die prototypischen Merkmale für die Objektbegriffe "Ball" und "Auto" dargestellt.

Abb. 1: 
Prototypische Merkmale eines der ersten Objektbegriffe ("Ball")
 
Abb. 2: 
Prototypische Merkmale eines der ersten Objektbegriffe ("Auto")

In der Abbildung 3 ist beispielhaft dargestellt, wie in der Anfangsphase der Entwicklung des Objektbegriffes "Auto" erste Wortformen vom häufig gehörten Wort "Auto" (hier "Atta") überdehnt verwendet werden. Einzelne Merkmale aus dem prototypischen Merkmalsset der Abbildung 2 sind für sich allein erkennungsrelevant, noch nicht die Merkmalskombination als Ganzes. Folglich wird "Atta" auf Autos und auf Objekte bezogen, die irgendein autoähnliches Form- oder Funktionsmerkmal aufweisen. Solche Überdehnungen sind von Kind zu Kind verschieden, kommen aber im zweiten Lebensjahr recht häufig vor. Ganz zu Beginn der Entwicklung (etwa ab 1;0) kann ein erstes Wort auch noch viel unspezifischer, z.B. im Zusammenhang mit einer bestimmten motorischen Aktion, gebraucht werden.
 
Abb. 3: Beispiele für einen stark erweiterten Bezug der ersten Wortform von "Auto"
 
Auch hier ist der Wortgebrauch des Erwachsenen in der gemeinsamen Interaktion von entscheidender Bedeutung. Denn woher soll ein Kind die Namen und die Art ihres Wirklichkeitsbezuges sonst erhalten, wenn nicht von den primären Bezugspersonen, die die Erkundungsaktivitäten des Kindes stimulieren. Die kindliche Anwendung der aus dem Erwachsenenwort "Auto" abgeleiteten frühen Lautkombinationen ("Atta", "Ato" oder "Adta") und die damit verbundene Rückmeldung im Dialog präzisieren diese Lautformen in Richtung auf das konventionelle Zielwort, und sie verfeinern seine Begrifflichkeit.
Interessant ist nun, dass die Wörter "Auto" und "Ball" nicht nur im Deutschen, sondern auch im Englischen und Schwedischen zu den Wörtern gehören, die im aktiven (gesprochenen) Wortschatz des Kindes zuerst erscheinen und relativ schnell bedeutungssicher gebraucht werden. Dies dürfte auf dem Zusammenspiel der folgenden Faktoren beruhen:

  • ein Auto ist ein "Kulturobjekt", mit dem das Kind praktisch von Geburt an konfrontiert wird; eine Begegnung mit einem Auto ist für das Kind oft mit kommunikationsauslösenden Effekten verbunden
  • ein Auto und ein Ball gehören im allgemeinen zu den ersten Spielgegenständen, die wiederum Bestandteil kommunikativer Situationen sind
  • als Spielgegenstände in Aktion sprechen sie mehrere Sinne an
  • sie sind keine statischen Objekte
  • beim Hören der Wörter "Auto" und "Ball" in verschiedenen Kontexten ist ihr Bezug relativ leicht erfassbar, da sie häufig in der elterlichen Angebotssprache erscheinen, wenn die Objekte vor dem Kind in Aktion sind
  • die Wörter "Auto" und "Ball" sind artikulatorisch relativ einfach strukturiert.


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017




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