"Zu den Beziehungswörtern gehört auch das Wort 'Bruder'.....Wenn man das Kind fragt 'Hast du einen Bruder?', bejaht es die Frage und sagt "Das ist Kolja.' Fragt man jedoch 'Und hat Kolja einen Bruder?', ist die Antwort 'Nein.'. Sich selbst betrachtet es nicht als den Bruder von Kolja, weil das Wort 'Bruder' für das Kind keine Beziehungsbedeutung, sondern absolute (konkrete) Bedeutung hat.
A. Lurija 1982, Sprache und Bewusstsein"




Abb.: "ich" und "wir" sicher im Gebrauch (Alter: 2;10)


Pronomen verweisen auf Personen, Gegenstände und Sachverhalte. Die jeweilige Bedeutung ergibt sich aus der Situation, in der gesprochen wird. Bereits vor dem Beginn des Gebrauches von Pronomen durch das Kind hört es in zahlreichen Kommunikationssituationen elterliche Äußerungen mit Pronomen.
Schon in der frühen Babysprache "kommentieren" Mütter und Väter ihre Handlungen, die sie im Zusammenhang mit kindbezogenen Aktivitäten gerade vollziehen, vollzogen haben oder in Kürze vollziehen. Typische Beispiele für Personalpronomen sind:
"Komm', wir schauen ein Buch an!"
"Hast du mich gerufen?"
"Willst du den Teddy haben, ja?"
"Na du machst ja'n Krach!"

Es kann angenommen werden, dass der elterliche Pronomengebrauch schon im 9.-12. Monat dazu dient, auf der sprachlichen Ebene reziprokes Rollenverhalten zu markieren, indem die am Gespräch beteiligten durch "du" und "ich"- Verweise sowie durch den Gebrauch des Eigennamens gekennzeichnet werden. Hinsichtlich des "wir" und "du"-Gebrauchs konnte in Langzeitbeobachtungen folgende Besonderheiten festgestellt werden: "Wir" wird überwiegend in initiativen Äußerungen verwendet, die sich in Bezug auf ihre kommunikative Funktion als Handlungsaufforderungen oder -ankündigungen bestimmen lassen.




Abb.: Spontane Feststellung (Alter: 3;3)


Sofort nachgeahmte Pronomen vor dem Zeitpunkt des spontanen Gebrauchs von Pronomen in initiativen Äußerungen:
Zeitpunkt des Auftretens Äußerungsteile mit Pronomen 2;0 "aber ich" 2;1 "hörst du" 2;1 "helfe dir" 2;2 "das hört-er" 2;3 "schenk ich der Mutti"

Bei der Bestimmung des erstmaligen Gebrauchs von Pronomen sind die folgenden gesprächsbezogenen Erscheinungsformen zu unterscheiden:
- das Erscheinen in einer reaktiven Äußerung in Form einer sofortigen oder zeitlich verzögerten Nachahmung
- das Erscheinen in einer reaktiven Äußerung in Form einer Antwort auf eine Frage o.ä.
- das Erscheinen in einer spontanen dialoginitiierenden Äußerung
Der Zeitpunkt, zu dem das Kind erstmals Pronomen nachahmt, liegt in den meisten Fällen vor dem Zeitpunkt, zu dem das Pronomen in gesprächsinitiierenden Äußerungen angewandt wird.



Abb.: Das Kind weist auf seinen Arm hin (Alter: 2;7)


Beispiele für den ersten kindlichen Gebrauch: "ich" statt "mich":

ALTER:          2;7,0
SITUATION:      L. kommt aus dem Bad und teilt dem Vater mit, dass die Mutter ihn gewaschen hat.
KIND:           Ich hab' schon meine Mutti gewaschent.
ERWACHSENER:    Die Mutti hat dich gewaschen.


ALTER:          2;7,6
SITUATION:      Beim morgendlichen Ankleiden zeigt L. auf den Arm und teilt der Mutter mit:
KIND:           Mama, ich hab' eine Mücke gestochen, da! [zeigt]
ERWACHSENER:    Eine Mücke hat dich gestochen? Ja?


ALTER:          2;3,19
SITUATION:      L. baut einen kleinen Kreis aus Bausteinen und stellt sich hinein.
                Der Vater kommt zum Kind und signalisiert, dass er sich auch gern in den
                Kreis stellen möchte ("Ich auch!"), bleibt aber davor stehen.
                L. verlässt den Kreis und will nun, dass sich der Vater hineinstellt.
                Während L. den Vater "hineinschiebt" und er selbst draussen bleibt,
                Äußert L.:
KIND:           Papa ich auch! (meint: du auch!)


Dieses Phänomen der "Du - ich" - Verwechslung ist in der Literatur (überwiegend bei Kindern, die Englisch als Muttersprache lernen) als "pronominal reversal" beschrieben worden. OSHIMA-TAKANE nennt diesen Fehlertyp jedoch "non-reversal", da das Kind das Pronomen, das es hört, nicht umkehrt. Hier ist anzumerken, dass das Kind die Umkehr in semantisch-pragmatischer Sicht vollzogen hat, jedoch noch nicht grammatikalisch. DALE u.a. führen die pronominale Umkehr auf Fehler beim Wechsel des Verweisens (deictic shift) zurück, wenn das Kind mit semantisch reversiblen Aussagen konfrontiert wird (I'll help you.). Möglicherweise hängt dieses Phänomen eng mit ähnlichen Erscheinungen im Bereich bestimmter Verben und Adverbien zusammen, bei denen zunächst eine sprachliche Form, z.B. für zwei Richtungsangaben, gebraucht wird ("einsteigen" für das Ein- und Aussteigen).


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017




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