"Die Wörter differenzieren sich in Substantiv, Verb, Adjektiv, sobald Sätze da sind. Vorher ist es ohne Sinn zu fragen, welcher der drei Wortklassen ein Wort angehört, denn wenn ein Kind "Wauwau" sagt, ist es nicht auszumachen, ob es den Hund oder das Bellen meint - ja es kann womöglich etwas "Belliges" meinen oder gar die braune Farbe, die ihm an einem Hund auffällt."
B. Snell 1952, Der Aufbau der Sprache




Abb.: Dialog beim Bilderbuchbetrachten (Alter: 2;11)



Die Entwicklung der Bezeichnungsfunktion des Substantives lässt sich in folgenden Phasen beschreiben:

  1. Das Kind hört in der sprachlichen Interaktion Bezeichnungen für Objekte. Die Mehrzahl dieser Objekte gehört zur sichtbaren täglichen Erfahrungswelt. Ihre Bezeichnungen nimmt das Kind häufiger wahr. Diese Bezeichnungen werden nicht nur zu ein und demselben Objekt, sondern zu verschiedenen Objekten (Instanzen) der gleichen Kategorie angeboten.


  2. Das Kind übernimmt diese Bezeichnung. Es wendet sie möglicherweise als Bezeichnung für kategoriefremde, aber perzeptiv (in der Wahrnehmung) ähnliche Objekte an. Der Erwachsene markiert in seiner reaktiven Äußerung den "erlaubten" Bezug. Bei vielen elementaren Alltagsbegiffen wie "Ball" oder "Auto" vollzieht sich dieser Prozess schon zu Beginn des 2. Lebensjahres (siehe auch Themenseite "Objektbegiff")


  3. Mit wachsenden Gegenstandserfahrungen (Wahrnehmung von Objekten in verschiedenen räumlichen und zeitlichen Kontexten), der Wahrnehmung der sprachlichen Bezeichnungen für Objekte durch den Erwachsenen sowie seiner Korrekturrückmeldungen in Kommunikationssituationen präzisiert das Kind die Bedeutungsstruktur seiner Wörter.


  4. Besonders zu Beginn des 3. Lebensjahres hört man im spontanen, initiativen Sprachgebrauch des Kindes zunehmend neue Substantive, auch schon die im Deutschen relativ häufig vorkommenden zusammengesetzten Substantive. Diese können auch originelle Eigenschöpfungen sein (z.B. "Mülleimerauto" zu Fahrzeug der Stadtreinigung).




Abb.: Das Kind zeigt den selbst gebauten Fotoapparat (Alter: 2;10)


Ein implizites "Wissen zur Wortart" ist bereits in Ansätzen vorhanden, wenn das Kind beginnt, Wörter im Satz zu kombinieren, sie in Verbindung mit Verben zu verwenden (siehe auch Zitat von B. Snell). Dieser Prozess setzt verstärkt um das vollendete 2. Lebensjahr ein und scheint eng mit der unter "Satzbau" dargestellten Entwicklung zu verlaufen.
Hinweis zu Substantiven:
Substantive lassen sich hinsichlich ihres Bedeutungsbezuges in verschiedene Kategorien einteilen, in denen sich u.a. der Bezug zu konkret wahrnehmbaren oder abstrakteren Inhalten widerspiegelt (siehe Schema weiter unten). Bei der konkreten Bestimmung kann es jedoch Überschneidungen geben.


Beispiele für spontan gebrauchte Objektbezeichnungen verschiedener Kinder, die bereits neben alltagsüblichen Gegenstandsbezeichnungen in der Lebenswelt verwendet werden (z.T. noch mit lautlichen Vereinfachungen):





Dialogbeispiele für spontan-initiative Äußerungen mit Substantiven für konkrete Bezeichnungsinhalte (z.T. wird die genaue Benennung "ausgehandelt"):

ALTER:       2:3
SITUATION:   Das Kind zeigt auf ein Schwein auf einem Teil
             eines neuen Puzzlespiels:
KIND:        Necke (Schnecke)
ERWACHSENER: Schnecke? Wo siehst du eine Schnecke?
KIND:        Hier [zeigt]
ERWACHSENER: Nee, das is' ein Schwein, ein lila Schwein.


ALTER:       2:10
SITUATION:   Als eine Sommerhose anprobiert wird, greift das
             Kind nach einer Tasche an der Hose:
KIND:        Die hat eine Tasse (Tasche)
ERWACHSENER: Ja, die hat Taschen.


ALTER:       3;0
SITUATION:   Das Kind zeigt auf einen einzeln abgebildeten
             Wolfskopf auf der Titelseite eines neuen Buches
             und äußert:
KIND:        Da Eisbär!
ERWACHSENER: Das ist ein Eisbär?
KIND:        Da.
ERWACHSENER: Das sieht aus wie ein Wolf mit einer roten Kappe,
             wie ein Rotkäppchenwolf.
KIND:        Ein Wolf.
ERWACHSENER: Ja, ich finde, das sieht aus wie ein Wolf.
KIND:        Das is' aber n Wolf.
ERWACHSENER: Bitte?
KIND:        Is' ein Wolf!
ERWACHSENER: Von hier aus würde ich das vermuten, hm. [sieht
             während der Essenszubereitung zum Kind auf den
             Fußboden runter] Ja, das is' ein Wolf!
KIND:        Warum is' das ein Wolf?
ERWACHSENER: Das weiß ich nich', dazu müsste ich die Geschichte
             erst mal lesen.








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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017