Abb.: Spontane Mitteilung nach dem Besuch des Kindergartens (Alter: 2;10)


Verben können bestimmte Geschehensarten (Aktionsarten) und Aspekte eines Geschehens oder Seins, z. B. hinsichtlich der Dauer oder des Beginns bezeichnen. In Bezug auf die Art des Geschehens werden die Verben nach
unterschieden.

Das Erscheinen von Verben etwa im letzten Drittel des 2. Lebensjahres weist darauf hin, dass das Kind jetzt über eine "Sprach-Kategorie" verfügt, die ein Erkennen und Abbilden von Handlungen, Ereignissen und Vorgängen ermöglicht. Die Vorläufer der Verben waren die sog. Aktionswörter. Die kognitive Grundlage des Erscheinens der Zeitwörter ist die sich am Ende des zweiten Lebensjahres vollzogene Entwicklung einer raumbezogenen Zeitvorstellung, denn die Verben bezeichnen Handlungen und Vorgänge, die durch ihre wahrnehmungsmäßig erfassbare räumliche Streckung (z. B. eine Ortsveränderung beim Bringen eines Gegenstandes) einen Zeitbezug implizieren.

Das Kind hört diese Handlungs- und Vorgangsbezüge in zahlreichen situativ verschiedenen Kontexten und in grammatikalisch anderen Einbettungen, z. B. in den nachfolgenden Varianten:

gehen
- Lisa geht. = nur Subjektangabe
- Die Katze geht nach oben. = Richtungsbestimmung
- Mama geht einkaufen. = Infinitivergänzung
- Das geht nur mit Batterien. = Präpositionalergänzung
- Papa geht auf Arbeit. = Lokalergänzung
- Sie geht morgen. = Temporalergänzung
essen
- Fritz isst. = nur Subjektangabe
- Linda isst Schokolade. = Akkusativergänzung
- Wir essen zu Hause. = Lokalergänzung
holen
- Papa holt das Auto. = Akkusativergänzung

Beispiele für den erweiterten Gebrauch mit Wortbildungsmorphemen:
- weggehen, aufgehen, vergehen, zergehen
- aufessen, wegessen
- aufholen, nachholen

Das Hören des gleichen Verbes in grammatikalisch, semantisch und kommunikativ verschiedenen Kontexten, wie dies am obigen Beispiel von "gehen" dargestellt ist, hat offensichtlich einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Verbbedeutungen. Untersuchungen (NAIGLES und HOFF-GINSBERG,1995, WEIZMAN und SNOW, 2001, HUTTENLOCHER u.a., 2010) zeigten, dass der variationsreiche Sprachgebrauch einer Bezugsperson (meist die Mutter) beste Bedingungen für ein syntaktisches "bootstrapping" liefert, d. h. für die Nutzung des syntaktischen Kontextes, um schrittweise zu derjenigen Bedeutungsinterpretation zu kommen, die durch den außersprachlichen Kontext angezeigt wird.

Zusammengesetzte Handlungsverben wie "aussteigen", "hochmachen", "rausgehen" (hier mit Richtungsbeziehung) sind in ihrer Bedeutung zunächst nicht immer gleich erfassbar. Hier bildet das Kind die aktuelle Handlungsrichtung auf die es verweisen will, noch nicht mit der adäquaten sprachlichen Richtungsangabe ab. Es verwendet eine Bezeichnung für zwei Richtungen. Das anfängliche Lernproblem, gerade bei Verben mit einer richtungsbezogenen Lokalsemantik besteht offensichtlich darin, die entgegengesetzten Richtungen mit jeweils verschiedenen Vorsilben am gleichen Infinitiv-Grundverb zu markieren. Das Kind muss den Schwerpunkt der sprachlichen Markierung von Bedeutungsunterschieden am Verb auf die "adverbiale Vorsilbe" verlagern (rausgehen - reingehen).



Abb.: Das Kind zeigt auf eine Hälfte eines geteilten Pfannkuchens (Alter: 2;0)


Dialogbeispiele für erste spontan-initiative Äußerungen mit zusammengesetzten Verben:


ALTER:       1:10
SITUATION:   Das Kind ergreift den eben von der Mutter gefüllten
             Spieleimer und räumt die Gegenstände wieder aus:
KIND:        Einpacken nich!
ERWACHSENER: Nich einpacken? Warum denn nicht? Ich denke, wir wollen
             das nachher mitnehmen?
KIND:        Ja.
ERWACHSENER: Ne, ich dachte.


ALTER:       2;8
SITUATION:   Nachdem sich as Kind selbst Kakao aus einer Kanne
             eingegossen hat:
KIND:        Ich hab' mir was ein-e-gießt. weißt de!
ERWACHSENER: Was eingegossen.
KIND:        ein-e-gossen
ERWACHSENER: Hm


ALTER:       2;10
SITUATION:   Das Kind steht am mit Wasser gefüllten Waschbecken, hält
             seine farbig bemalten Hände rein und äußert:
KIND:        Muss das wegputzen!
ERWACHSENER: Was willst Du wegputzen?
KIND:        Meine Farbe.
ERWACHSENER: Ja.
KIND:        Mit'n Wasser.


ALTER:       2;11
SITUATION:   Das Kind hält seine Spielfiguren hinter dem Rücken
             versteckt und äußert:
KIND:        Sin a fasswunden...sin alle fasswunden.
ERWACHSENER: Verschwunden.
KIND:        Verswanswan.








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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017